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Im Schloss der Lust

Nur die Masken fallen nicht, an der wildesten Party Europas.

 

Andrej versucht, im Turmzimmer Nummer 501 die Orientierung zu behalten. Überall stehen Menschen herum, manche ohne Hose oder Rock, doch alle mit venezianischen Masken. Auf dem Bett im Getümmel aus ineinander verschlungenen Leibern stöhnt eine Frau. Andrej räumt diskret Sektgläser von den Kommoden. «Ich will hier keine Scherben», flüstert er und stolpert beinahe über zwei am Boden liegende High Heels.

Doch eigentlich hat der Aargauer, der in dieser Prager Nacht gleichzeitig den Conférencier und Schlossherrn gibt, ganz andere Sorgen. Es passierte beim Abbrennen des Feuerwerks. Eine Rakete blieb im Schnee stecken. Andrej stand in unmittelbarer Nähe. Das Ergebnis: tränende Augen und ein Hörsturz. Seit Stunden ist ihm schwindlig. Einer der Gäste, ein Arzt aus Monaco, verordnete ihm Bettruhe und viel Wasser. Und auf jeden Fall sollte er am nächsten Tag einen Spezialisten konsultieren. Doch Andrej kann jetzt nicht ruhen. Es ist zwei Uhr nachts, das Turmzimmer läuft heiss, und unten im ersten Stock, wo ein DJ den Festsaal aus dem 13. Jahrhundert mit Musik beschallt, soll die anfängliche Zurückhaltung auch längst abgelegt worden sein.

 

Man hört, dass selbst der zuvor herrisch auftretende Kleider-Tycoon aus Kanada, der mit grosser Entourage und Privatjet eingeflogen war und beim Schweizer Organisator zu Beginn des Abends mit seinen Extrawünschen für den ersten Schweissausbruch gesorgt hatte, längst brav als Teil des Rudels agiert.

 

Steigerung der Lust

 

Seit fünf Jahren veranstaltet Andrej, die CastleEvents. Er tut dies überaus erfolgreich. Mittlerweile veranstaltet er jeden zweiten Monat irgendwo in Europa eine Party. Der Schweizer mietet dafür ganze Schlösser oder Fünfsternehotels, karrt vom Sofa bis zu den Getränken alles selbst an und stellt ein paar wohlgeformte Mädels hinter die Bar, selbstverständlich jede mit Maske. Denn das Verdecken des Gesichts ist für Gäste und Angestellte oberstes Gebot. Es gehört zum Konzept. Das Verhüllende soll zum prickelnden Gefühl des Verbotenen beitragen und zu dem führen, wofür hier eigentlich Geld ausgegeben wird: zur Steigerung der Lust.

 

Andrej hat für seine Veranstaltungen eine visuelle Vorlage, die wohl jeder Gast in Gedanken über die Schwelle trägt - Stanley Kubricks Film «Eyes Wide Shut». Tom Cruise spielt dort einen Arzt, der sich an eine mysteriöse, mondäne Party verirrt. Während im Salon nebenan maskierte Menschen Sex haben, lässt der neugierige Eindringling im Hauptsaal des Schlosses um ein Haar sein Leben. Kubricks Literaturverfilmung thematisiert aber mehr als nur lebensgefährlichen Gruppensex. Denn zu Hause sitzt seine Frau - die schöne Nicole Kidman - und grübelt über die eigene Beziehung, die nach Jahren Staub angesetzt hat. Der Film hat bei Millionen Eindruck gemacht und nicht wenige Paare die Suchmaschinen mit dem Namen des Films füttern lassen. Alle landen dann garantiert bei Andrej. Der ehemalige Programmierer taucht bei den Suchresultaten ganz oben auf.

 

Der digitale Kniff ist der wichtigste Baustein seines Erfolgs. Zentral ist aber auch das strenge Verfahren zur Auswahl der Gäste. Andrej pickt sich mit seiner Lebensgefährtin jeden einzelnen persönlich heraus. Wer bei Castle Events dabei sein will, muss Lebenslauf und Fotos abliefern. So garantiere man einen gewissen Standard bei der Ästhetik, erklärt Andrej. Ein Gast wird es zu später Stunde etwas pointierter ausdrücken und vom - Gott sei Dank - fehlenden «Schwabbel-Swinger-Look» sprechen.

 

Stunden vor dem Malheur mit der Rakete steht Andrej an der Rezeption und instruiert die Angestellten des Hotels. Sie werden die fünf Gänge des Diners servieren und danach nach Hause gehen. Zurück wird einzig ein junger Mann bleiben, der angewiesen ist, zu keinem Moment, aber wirklich unter keinen Umständen die Reception zu verlassen und die Wendeltreppen zum Festsaal emporzusteigen.

Plötzlich sorgt ein Deutschschweizer im Eingangsbereich für Trubel. Der Mann ist ohne Einladung und, noch schlimmer, ohne weibliche Begleitung erschienen. «Du kommst hier so nicht rein», erklärt Andrej ihm bestimmt. Überraschend folgsam steigt der Mann im Smoking ins Taxi und fährt davon. Kurz vor Mitternacht wird der Gast aber wieder erscheinen, diesmal mit einer langbeinigen Blondine. Ungleich schwieriger gestaltet sich für den Organisator der Auftritt des Gastes, der wenig später aus einer weissen Stretch-Limousine steigt.

Der Kanadier verfügt über eine Einladung und auch über die weibliche Begleitung, sogar drei davon. Er will aber neben seinen zwei Assistenten auch seinen persönlichen Dokumentalisten zum Fest mitnehmen. «No way», erwidert Andrej dem verdutzten Milliardär. Dieser muss sich in seinem Leben offensichtlich nicht mehr viele Widerworte anhören. Man einigt sich schliesslich auf eine Erinnerungsfoto im Eingangsbereich, dann entschwindet die Gruppe über die Wendeltreppe und gesellt sich zu den dinierenden Gästen. Man ist bereits bei Gang Nummer vier angelangt, Zanderfilet mit Kartoffelgratin auf einem Beet winterlichen Gemüses.

 

Junger Zürcher Banker

 

Das Feuerwerk ist längst vorbei, als ein junger Zürcher Banker mit seiner Freundin im Turmzimmer 501 das Eis bricht. Auch das lesbische Pärchen aus Berlin beginnt sich zu entspannen. Sie hatten sich zuvor über die fehlenden Single-Männer beklagt und ihre Teilnahme bereits bereut. Doch nun geht es zur Sache. Aber spätnachts öffnen sich nicht nur die Reissverschlüsse, sondern auch die Geister. Der Sekt und der Sex haben mittlerweile auch den Arzt gesprächig gemacht: «Seit meine Frau und ich das O. K. aus der Schweiz bekommen haben, sind wir wie unter Strom. Im Bett ist es seither ganz anders. Wir wollen heute vor allem zugucken und es miteinander treiben.» Der Finanzexperte aus Zürich erklärt: «Ich habe eine Freundin. Doch ich will mich ausleben, nichts verpassen. Hier kann ich das.»

 

Auch der kanadische Milliardär beteiligt sich unterdessen am Geschehen. Seine Bewegungen wirken aber eher teilnahmslos. Der Mann, der sich jüngst eine eigene Insel gekauft hat, wird wenig später beim Hinausgehen unter seiner Maske grummeln: «God, I like that Party», und allein in seinem Zimmer verschwinden. Seine drei Begleiterinnen bemerken seine Abwesenheit gar nicht, haben sie doch ihre Aufmerksamkeit längst auf zwei gut gebaute Männer gerichtet.

Andrej ist zu diesem Zeitpunkt bereits am Abräumen. Er wird sich erst in der Schweiz von einem Arzt in die Ohren gucken lassen. Zwei Drittel aller Menschen mit einem derartigen Hörsturz würden wieder vollkommen gesund, wird ihm erklärt. Der Rest jedoch, der trägt einen bleibenden Schaden davon.

von Yann Cherix 

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